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Was Menschen gesund hält

Seit es die ersten Heiler gab, hat sich die Medizin mit der Heilung von Krankheiten beschäftigt. Erst spät im ausgehenden 19. Jahrhundert trat die Frage der Ursache von Krankheit, die Pathogenese, in den Vordergrund. Bis heute werden großartige medizinische Erkenntnisse gewonnen, so dass viele Erkrankungen ihren Schrecken verloren haben. Aber gibt es auch Ursachen von Gesundheit? Dies ist eine neue Herangehensweise in der Medizin. Offensichtlich gibt es Mechanismen, warum manche Menschen mehr mit Krankheit reagieren und andere eher gesund bleiben. Natürlich ist Gesundheit auch ein Geschenk, das wir dankbar annehmen sollten. Aber es gibt auch Faktoren, die unsere Gesundheit beeinflussen.

Salutogenese - der andere Blick

Aaron Antonovsky, ein israelisch-amerikanischer Forscher hat eine ganz neue Sichtweise in der Medizin begründet. Er fragte sich, warum bleiben manche Menschen unter den gleichen Bedingungen gesund, während andere krank werden. Salutogenese nannte er seinen Denkansatz (salus, lat., gesund, genese, griech. Entstehung), im Gegensatz zu Pathogenese, der Entstehung von Krankheit.
Antonovsky hatte Frauen in Israel untersucht, die Überlebende des Holocausts waren, also Menschen, die schwerste Traumatisierungen erlitten hatten. Er verglich diese Gruppe mit Frauen ohne diese schrecklichen Erfahrungen. Ein großer Teil der Holocaustüberlebenden war emotio-nal und physisch genauso gesund wie die Vergleichsgruppe. Er fragte sich, was diese Menschen auszeichnet, wie sie trotz allem gesund blieben. Antonovsky isolierte in seinen Untersuchungen drei Kriterien, die offensichtlich entscheidend sind für die Erhaltung von Gesundheit:

  • Es macht Sinn, was ich tue. Es gibt etwas, für das es sich lohnt, etwas zu tun, für andere Menschen, für mich oder ein höheres Wesen. Zumindest das meiste, was ich tue, ist sinnvoll.
  • Ich kann verstehen, was um mich herum und mit mir passiert. Ich bin nicht völlig ausgeliefert, ich verstehe Zusammenhänge, es sind keine verborgenen Mächte, die auf mich einwirken.
  • Es ist machbar, durch mich selbst oder mit Hilfe von anderen oder einer höheren Macht. Ich bin nicht hilflos, ich habe verschiedene Handlungsmöglichkeiten.

Der Fluß des Lebens

Antonovsky prägte ein sehr schönes Bild: Wir sollen alle gute Schwimmer werden im Fluss des Lebens. Wenn wir am Ufer entlang gehen, können wir hineinfallen oder ganz bewusst hineingehen. Der Fluss kann reissend sein, oder ruhig, er kann verschmutzt sein, es kommen Felsen und Wasserfälle. Wir können das Baden darin genießen, aber müssen immer aufpassen, dass wir nicht untergehen. Denn wir schwimmen nicht von alleine.

Was ist Gesundheit
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Gesundheit als vollkommenes psychi-sches und physisches Wohlbefinden definiert. Diese Definition von 1948 wird heute als unrealistisch und illusionär angesehen. Unser Zustand liegt immer irgendwo dazwischen, zwischen Krankheit und Gesundheit, wir sind nie richtig gesund, und nur selten völlig krank. Jemand mit einer schweren Behinderung oder chronischen Krankheit kann sich trotzdem sehr gesund fühlen. Salutogenese heißt deshalb auch, nicht das Erreichen völliger Gesundheit, sondern mehr Gesundheit und weniger Krankheit.

Allgegenwärtiger Stress
Viele kapitulieren vor dem Stress im Alltag. Aber Stressoren führen auch zu Anspan-nung, die dem Körper gut tun. Ohne Anspannung verarmt das Leben, Unterforderung ist der schädlichste Stresszustand überhaupt. Stressoren sind deshalb auch Aufgaben des Lebens. Unser Ziel ist es, damit umgehen zu lernen und nicht unterzugehen.

Tägliche Energie
Wir gehen auch unter, wenn wir uns nicht bewegen, wenn wir nicht wenigstens ein bisschen rudern. Unser Körper neigt wie alle physikalischen Zustände zur Entropie. Dieser Begriff aus der Thermodynamik besagt, dass alle Zustände dazu neigen einen Zustand geringerer Ordnung einzunehmen, wenn keine Energie zugeführt wird. Tatsächlich müssen wir täglich etwas investieren, Energie zuführen, uns anstrengen. Wir brauchen  täglich Nahrung, Wasser, aber auch Freundschaft, eine schöne Begegnung, Anerkennung und das Gefühl dazuzugehören.  Wir müssen uns um uns kümmern, auf uns achten und immer etwas dafür tun, dass wir oben schwimmen in diesem Fluss des Lebens.

Praxis
Dr. med. Wolfgang Raiser
Aixer Straße 7
72072 Tübingen
Tel: 07071 - 53 81 55