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Editorial

Liebe Patient*innen,

zugegebenermaßen fällt es auch mir nicht leicht, diesen Patientenbrief zu schreiben. Über den Tod, über das Sterben, darüber will eigentlich niemand sprechen, vor allem nicht die vielen jungen Patienten in unserer Praxis. Für sie ist es kein Thema, für die Älteren eher. Bis vor wenigen Jahrzehnten sind die Menschen zu Hause gestorben, in ihrem eigenen Bett und wenn sie auf dem Feld gefunden wurden, hat man sie nach hause gebracht. 

Heute sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern.  Auch dort hat sich in den letzten Jahren vieles zum Guten verändert. Es gibt Familienzimmer, wo Angehörige Sterbende begleiten können. Und trotzdem ist der Tod etwas Fremdes geworden, mit dem man nicht viel zu tun haben möchte. Vielleicht müssen wir ihn  wieder  zurückholen, zu uns, in unser Leben. Viele Angehörige erleben es als großen Trost, wenn jemand zu Hause sterben darf und sie dabei sein können. Wir müssen die Toten nicht gleich abholen lassen, wir haben eigentlich Zeit. Zeit uns zu verabschieden, sie zu  waschen, sie mit schönen Kleidern anzuziehen. Wir können Blumen und Kerzen aufstellen und uns um das Bett des Toten versammeln, zusammen weinen, Geschichten erzählen und uns an dieses Leben erinnern. 

Da ist etwas verloren gegangen in den letzten Jahrzehnten. Am Tod kommen wir nicht vorbei, wir können ihm auch nicht dadurch entkommen, in dem wir ihn wegschieben. Holen wir das Sterben und den Tod wieder zurück in unser Leben und in unser Haus. Seien Sie mutig.

(Februar 2018)

Praxis
Dr. med. Wolfgang Raiser
Aixer Straße 7
72072 Tübingen
Tel: 07071 - 53 81 55