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Gedanken über eine Heilkultur

Es ist gar nicht so einfach, sich über seine Rolle als Arzt in dieser Gesellschaft und innerhalb eines sich wandelnden Medizinbetriebes klar zu werden. Dies bedarf eines langen Prozesses der Erfahrung, der Diskussion und des Nachdenkens.

Professor Frank Nager, Arzt und Präsident des Institutes für Anthropologie der Zentralschweiz schrieb in einem Essay: “Der Beruf des Arztes ist ein Gemisch aus Wissenschaft, Handwerk, Geschäft, Liebestätigkeit und Kunst.“

Das ist, wie ich finde, eine sehr schöne Beschreibung eines Berufes, der viele Facetten hat. Und wenn man sie wahrnimmt und lebt, dann kann man den Menschen sehr nahe kommen.

Wo lernen wir diese Seiten? Wie kommen sie zustande? Natürlich lernen wir in den Universitäten die Wissenschaft, und in den Krankenhäusern das Handwerk. Das ist wichtig und die solide Basis unseren Handelns. Die Ärzteorganisationen kümmern sich (oft lautstark) um das Geschäft. Und die ärztliche Kunst umfasst die Intuition aus einer Gesamtheit der Informationen und Wahrnehmungen, die richtige Entscheidung abzuwägen.

Aber wer kümmert sich um die Humanität, die Liebe. Alle Wahrheit ist grausam ohne die Humanität, ohne dass Hoffnung und Zuversicht bleibt. Die Medizin orientiert sich in ihren Aussagen oft an statistischen Grössen. Aber eine Statistik lässt keine Aussage zu über eine einzelne Person. Ganz offensichtlich ist dies bei Patienten, die an einer schweren Erkrankung leiden. Deren individuelles Leben und Schicksal wird oft auf ein statistisches Mass reduziert. Hier wird oft zum Handwerk, was der Liebe bedarf.

Ohne die Humanität ist die Medizin kühl und entleert. Natürlich müssen wir uns auch ums Geschäft kümmern. Das ist die existentielle Grundlage. Aber es ist wie überall. Wenn eine Säule des Handelns überwiegt, kommt das ganze System ins Wanken. Eine nur nach Profitmaximierung ausgerichtete Arztpraxis wäre zurecht inhuman. Und trotzdem will man davon leben, angemessen honoriert für ordentliche Arbeit.

Humanität umfasst das Zuhören, das empathische Verstehen, warum der Patient auf seine Art reagiert und krank wird. Das heisst auch die Achtung des Gegenübers, seiner Wünsche und seiner Besonderheiten. Das Unbehagen an der Medizin kommt ja nicht aus dem Misstrauen gegenüber dem Erkenntniszuwachs oder dem angesammelten Wissen, sondern aus der Unsicherheit des eigenen Wahrgenommenwerdens. Werde ich noch als eigenständiges Individuum gesehen in einem High-Tec-Medizinbetrieb mit gut geschulten Spezialisten? Hört mir dort noch jemand zu, auch wenn ich nur noch leise etwas sagen kann? Vielleicht ist Liebestätigkeit ein grosses Wort. Aber ohne dieses Gebot der Nächstenliebe verkümmert die Medizin, auch zum Schaden der in ihr Tätigen.

Siehe auch Patientenbrief Nr. 3

Praxis
Dr. med. Wolfgang Raiser
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