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Quo vadis Medizin

In den letzen 15 Jahren gab es gravierende Veränderungen im Gesundheitssystem. Angetrieben von den Ideen des Neoliberalismus und deren drei Glaubensgrundsätzen:Deregulierung, Privatisierung und Rückzug des Staates, sollten auch im Gesundheitswesen marktwirtschaftliche Prinzipien das Gesundheitssystem neu ordnen. Patienten wurden als Kunden bezeichnet und Krankenhäuser sollten sich kundenorientiert aufstelllen. Nur handelt es sich bei den Patienten nicht um Kunden oder  Konsumenten, sondern um Menschen, die Hilfe brauchen. Das Gesundheitswesen dient nicht zur Gewinnoptimierung, sondern ist Teil der Daseinsvorsorge einer Gesellschaft. Vor allem in den Krankenhäusern wurde mit Einführung des sogenannten DRG-Abrechnungssystems der Versuch gestartet, jede Krankheit nach Kosten abzubilden und ein gut organisiertes Krankenhaus damit Geld verdienen kann. Dies führte zu einem völlig neuen Denken in der Medizin. Nicht mehr die Bedürftigkeit des Patienten steht im Mittelpunkt, sondern der betriebswirtschaftliche Nutzen eines Kranken beeinflusst Therapie und Aufenthaltsdauer. Zwar versuchen viele Ärzte immernoch sich gegen dieses Denken zu stemmen, aber der Einfluss der kaufmännischen Direktoren in den Kliniken ist groß und oft bestimmend. Das Gesundheitswesen hat die Aufgabe einer Daseinsfürsorge und es wird die Aufgabe der Politik in den nächsten Jahren sein, die verheerenden Folgen dieses neoliberalen Denkenansatzes auszugleichen.

Klaus Dörner, der große Vordenker der deutschen Psychiatrie hat einmal gesagt, dass im Zentrum des ärztlichen Handelns die Indikation (Heilanzeige) steht. Alles dreht sich um die Entscheidung, was hilft wann welchem Patienten. Dies ist eine zutiefst individuelle Entscheidung, jeder Mensch ist anders, hat unterschiedliche Prioritäten und unterschiedliche Ziele. Eine Medizin, die sich am Machbaren orientiert, wird zum Handwerk und eine Medizin, die sich nur am Ökonomischen orientiert, wird zum Geschäft. Die richtige Indikation zu stellen ist die permanente Herausforderung für alle Ärzte. Die Betriebswirtschaft ist eine hilfreiche Disziplin im Gesundheitswesen, aber nicht deren Kern. In einer modernen Zivilgesellschaft wird die Indikation immer im Gespräch zwischen Arzt und Patienten gefunden, als geteilte Entscheidung. Nur so kommt man zu einer humanen, demokratischen Medizin.

Im dritten Patientenbrief 2003 habe ich bereits den Schweizer Medizinhistoriker Professor Frank Nager zitiert, der die Medizin folgendermassen beschrieben hat: „Die Medizin ist ein Gemisch aus Wissenschaft, Handwerk, Geschäft, Liebestätigkeit und Kunst.“ Dem ist auch heute nichts hinzu zufügen.

Siehe auch Patientenbrief Nr. 15

 

Praxis
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